Alexander Farenholtz zu Gast bei „Über Kunst“ „Kulturinstitute müssen sich öffnen“

Von Thomas Morawitzky 

„Die Gesellschaft verändert sich“, sagt Alexander Farenholtz, Geschäftsführer der Kulturstiftung des Bundes, in der „Stuttgarter Nachrichten“-Gesprächsreihe „Über Kunst“ in der Galerie Parrotta in Stuttgart. Der Kulturbetrieb hinke hinterher: „Es geht darum, dass diese Häuser und Institutionen sich öffnen.“

Stuttgart - Mitunter stellt im Berufsleben der Zufall die Weichen. Geboren 1954 in Helmstedt, arbeitete Alexander Farenholtz nach seinem Studium der Verwaltungswissenschaften in Konstanz von 1982 bis 1986 – im Senat der Freien und Hansestadt Hamburg. Dann agierte er als persönlicher Referent des Oberbürgermeisters der Stadt Pforzheim, Joachim Becker. „Ich hatte mir ausdrücklich vorgenommen“, sagt er beim „Über Kunst“-Gespräch mit Nikolai B. Forstbauer, Titelautor der „Stuttgarter Nachrichten“, „den Job drei Jahre lang zu machen“. Deshalb habe er in die Zeitung geschaut – „und es gab“, so Farenholtz, in derselben Ausgabe der „Zeit“ zwei Anzeigen – „die eine war die des Leiters des Sozialamtes in Frankfurt am Main, die andere war Geschäftsführer der Documenta GmbH in Kassel.“

Documenta IX als „großartige Erfahrung“

Der Kontakt nach Kassel verfestigte sich schlicht schneller – und Farenholtz war ­damit formell Vorgesetzter von Jan Hoet als künstlerischem Leiter der Documenta IX (1992). „Wenn ein 35-jähriger Berufsanfänger in dieser Situation mit dem künstlerischen Leiter einer Weltausstellung arbeiten soll“, sagt Farenholtz, „funktionieren Hierarchievorstellungen nicht mehr. Ich hatte in gewisser Weise den Vorteil, gar nicht den ­Anspruch zu haben, als Chef oder Kontrolleur aufzutreten, sondern wirklich als ­jemand, der hilft, Dinge zu realisieren.“

Seine Arbeit in Kassel blieb für Farenholtz eine prägende Erfahrung: Hier lernte er den Umgang mit den Protagonisten des Kunstbetriebs. „Man darf in solch einer ­Rolle niemals den Eindruck erwecken, gegen den Partner zu arbeiten“, sagt er. „Man kann nichts gegen den künstlerischen Leiter durchsetzen, das hat gar keinen Sinn.“

Nach der Documenta IX im Sommer 1992 ging Farenholtz nach Stuttgart – als Leiter der Zentralstelle des damaligen Ministeriums für Familie, Frauen, Weiterbildung und Kunst Baden-Württemberg in der großen Koalition aus CDU und SPD. „Die Documenta­“, sagt er, „war ein großartiges, einzigartiges Erlebnis für mich, das ich mir als Solitär erhalten wollte.“

Harte Landung in Stuttgart

In Stuttgart machte Farenholtz auch schmerzhafte Erfahrungen. „Der damalige Ministerpräsident Erwin Teufel überging bei der Entscheidung, wer Direktor der Staatsgalerie werden sollte, die Fachministerin. Ich habe gar nichts gegen die Wahl, die getroffen wurde, aber in einer so zentralen Frage der Fachministerin das Recht zu nehmen, selber zu gestalten, zu entscheiden, das ist problematisch für mich.“ Auch die Idee einer Kultur für alle fand Farenholtz in Stuttgart seinerzeit kaum befördert: „Diskussionen etwa über eintrittsfreie Museen wurden eher zurückhaltend geführt.“

Dies sei heute ganz anders. Die Frage der Vermittlung von Kunst werde „sehr viel ­umfassender verstanden“. „Es geht“, sagt Farenholtz, „nicht darum, dass das, was an den Wänden hängt, richtig erklärt wird, sondern darum, dass diese Häuser und Institutionen sich öffnen für eine andere Gesellschaft als jene von vor 20 oder 30 Jahren.“

Schrittmacherin Shermin Langhoff

Ein Vorbild ist ihm das Berliner Maxim-Gorki-Theater. „Mit Shermin Langhoff ist es das bundesweit einzige Haus, an dem eine Leiterin mit migrantischem Hintergrund arbeitet“, sagt er. „Das muss man sich einmal vorstellen – in der Wirtschaft wäre so ­etwas nicht denkbar. Da hinken wir im Kulturbereich absolut hinterher.“

Für Stuttgart mit seinem konstant hohen Ausländeranteil sieht Farenholtz für die Zukunft geringere Veränderungen voraus, als etwa für Sachsen-Anhalt. In Halle hat die ­Kulturstiftung des Bundes ihren Sitz. Aktuell haben 2,8 Prozent der Bevölkerung in Sachsen-Anhalt einen Migrationshintergrund. „Wenn sich das ändert“, sagt Farenholtz, „müssen etwa die Theater sich öffnen. Sonst geht da kein Mensch mehr hin.“

Seit ihrem Gründungsjahr 2002 ist ­Alexander Farenholtz Vorstand und Verwaltungsdirektor der Kulturstiftung des Bundes, Künstlerische Leiterin ist Hortensia ­Völckers. Die jährliche Fördersumme von 35 Millionen Euro kommt aus dem Bundesfinanzministerium.

Wird in der Stiftung über Auswirkungen neuer politischer Gewichtungen diskutiert? In Sachsen-Anhalt erreichte die AfD in der Landtagswahl ja jüngst 25 Prozent. Die Kulturstiftung des Bundes versteht Farenholtz als eine Institution, die dieser Tendenz entgegenwirkt. „Aber natürlich“, sagt er, „sind wir nicht darauf vorbereitet, dass in unseren Entscheidungsgremien Protagonisten sitzen, die das, was wir machen, im Prinzip ­ablehnen.“

Dass die Kulturstiftung des Bundes nicht, wie ursprünglich geplant, mit der Kulturstiftung der Länder verbunden wurde, hält Farenholtz nicht für eine vertane Chance. „Die sehr verdienstvolle kleinere Länderstiftung“, sagt er, „kümmert sich um das kulturelle Erbe, unterstützt einzelne Länder bei Ankäufen. Unser Thema dagegen ist ausschließlich die zeitgenössische Kunstproduktion“ – „und die“, betont ­Farenholtz, „hat es immer schwerer.“

Politik darf Entscheidungen nicht aus der Hand geben

Julian Nida-Rümelin, Kulturstaatsminister im Kabinett Schröder, wollte bei der Gründung der Kulturstiftung des Bundes das Gremium der Stiftung nicht mit Politikern, sondern mit Vertretern unterschiedlicher Fachverbände besetzen. Das Parlament entschied anders. Und Farenholtz sagt: „Ich hätte es schlecht gefunden, wenn wir unsere Grundsatzentscheidungen nicht den Politikern, sondern Kulturlobbyisten erklären müssten.“

Überhaupt sieht Farenholtz den Prozess, dass die Entscheidung über kulturelle Förderung „mehr und mehr aus der parlamentarischen Verantwortung herausgelöst“ und Fachgremien zugeordnet wird, kritisch. Auch oder obwohl die Kulturstiftung des Bundes die Zuordnung ihrer jährlichen Mittel im einzelnen nicht im Bundestag erläutern muss. Es gehe es um eine Entwicklung. „Mit dem Verzicht auf die Entscheidungshoheit schwächt die Politik ihre Rolle im Thema Kultur insgesamt“, sagt Farenholtz – und verweist auf den Umkehrschluss: Wenn man als Kulturpolitiker kein Gewicht mehr erreichen könne, schwinde das Interesse an dieser Aufgabe. „Und damit“, bilanziert Farenholtz, „fehlen der Kultur ganz wichtige qualitative Ansprechpartner“.

Projekte werden immer wichtiger

Eher distanziert sieht Farenholtz auch die Diskussion über die Betriebsform öffentlicher Kultureinrichtungen. „Ich glaube“, sagt er, „die Strukturdebatte ist im Kulturbetrieb beliebter, als das gerechtfertigt ist.“ Ihn interessiert anderes. „Kulturelle Bildung“, sagt Farenholtz, „ist etwas, mit dem man bei jedem Politiker offene Türen einrennt. Aber in den Institutionen selber kommt sie heute als regelmäßige Aufgabe noch immer zu wenig vor.“ Dabei müssten sich aber die Kulturinstitutionen „neu sortieren, zumal in der sich verändernden Gesellschaftssituation.“ Und er ergänzt: „Institutionen verlieren an Bedeutung, dafür gewinnen die Projekte.“

Zur Debatte in Stuttgart um die Positionierung der Kulturpolitik im Bürgermeisterreferat Allgemeine Verwaltung will sich Farenholtz nicht äußern. „Auf Bundesebene“, sagt er zur Verortung von Bundeskulturstaats­ministerin Monika Grütters im Kanzleramt, „leuchtet mir ein eigenständiges Kultur­­­­­­­ministerium im Augenblick nicht ein. Das ­wäre ein so winziges Ministerium, dass keiner es ernst nehmen würde.“ Übertragen ließe sich diese Einschätzung auf die ­lokale Ebene aber so einfach nicht.

Lesen Sie jetzt