Agenten-Forschung Warum wir alle Bond sein wollen

Von Bernd Haasis 

Er hat die Figur des Geheimagenten James Bond entscheidend geprägt: Sean Connery 1964 , wie er in „Goldfinger“ aussah. Foto: www.mauritius-images.com
Er hat die Figur des Geheimagenten James Bond entscheidend geprägt: Sean Connery 1964 , wie er in „Goldfinger“ aussah.Foto: www.mauritius-images.com

James Bond weckt viele Sehnsüchte. Dabei bleibt der Agent ein Mysterium, auch wenn er zuletzt im Film „Spectre“ nahbarer erschien. Längst untersuchen Wissenschaftler das Phänomen Bond. Einige haben ihre Erkenntnisse nun bei einem Symposium an der Stuttgarter Kunstakademie geteilt.

Stuttgart - „Ungeheuer schnittig – das Boot natürlich“, ein Satz von Roger Moore aus „Der Spion der mich liebte“ (1977), steht als Motto über allem. Um Ian Flemings 12 James-Bond-Romane geht es, um 24 Filme in 53 Jahren, alle „umfassend interdisziplinär gestaltet“ und geeignet, „die Relevanz der Arbeit von ­Designern, Architekten, Kostümbildnern, Musikern, Künstlern aufzuzeigen, sagt Architektur-Professor Tobias Wallisser.

Der Bezug zu Stuttgart? „In den Filmen tauchen Möbel von Robert Haussmann auf und Architektur von Fritz Auer, die beide an der Akademie gelehrt haben“, sagt Karin Schulte vom Weißenhof-Institut, die das Symposium initiiert und geplant hat. „An den Filmen kann man über eine lange Strecke (fast 54 Jahre) zeigen, wie sich Ästhetik geändert hat, was für Visionen es gab, wie mit Zeitgeist umgegangen wird.“

Über markante Interieurs spricht Publizistin Sandra Hofmeister (München), über Ken Adam, dessen Kulissen die frühen Filme prägten. „Historisch und futuristisch zugleich“ sei das Design, sagt Hofmeister, englische Schlösser stünden visionäre Wohnlandschaften des Bösen gegenüber.

Früher waren die Drehorte zukunftsweisend, heute wird für sie bezahlt

Der Gipfel: Die Raumstation in „Moonraker“ (1979). „Das war der letzte Film mit utopischem Gehalt“, sagt sie – spätestens mit Daniel Craig sein Bond in der Normalität angekommen. Ein Beispiel: „Im Geheimdienst ihrer ­Majestät“ (1969) spielt auch im Drehrestaurant auf dem Schilthorn mit Panoramablick auf Eiger, Mönch und Jungfrau. „Pionierarchitektur“ sei das gewesen mit neuartiger Alu-Verkleidung, sagt Hofmeister, „aber kein Science-Fiction, sondern real, trendangebend, zukunftsweisend“. Gedreht wurde kurz vor Eröffnung, Ken Adam baute ins Innere einen englischen Club. In „Spectre“ (2015) nun war ein nichtssagendes Gipfelhaus über Sölden zu sehen, „eine leere Hülle, wo es weit futuristischere Orte gegeben hätte – aber Tirol hat dafür bezahlt“, sagt Hofmeister. Hinfort die Utopie, der Mammon hat Bond im Griff.

Eine Konstante: Monty Normans Titelmusik, arrangiert von John Barry für „Dr. No“ (1962). Sie erklingt erstmals im Casino, in dem er erstmals sagt: „Bond, James Bond.“ Sie hat sich gewandelt, wie Peter Moormann (Köln) zeigt. Disco in „Der Spion, der mich liebte“, neo-orchestral in „Octopussy“ (1983) nach John Williams’ „Star Wars“-Erfolg , unterlegt mit Rock in „Lizenz zum Töten“ (1989), mit Beats in Madonnas „Die Another Day“ (2002).

„Das Sound-Design beeinflusst zunehmend die Klanggestaltung“, sagt Moormann, „die Musik wird eingebettet in eine Gesamtkulisse.“ Auch Kontroversen stellt er vor. Der Franzose Eric Serra („Léon – Der Profi“) verfremdete das Bond-Thema für die Panzer-Szene in „Goldeneye“ (1995), die Produzenten rangen ihm eine konventionelle Version ab. Bei „Spectre“ entschieden sie sich statt für einen Song der Band Radiohead für „diesen Balladen-Schmus“, sagt Moormann. Wie Millionen in aller Welt ist auch er froh über Adeles Oscar-prämierten Hit „Skyfall“: „Sie greift die Vorlage sehr gekonnt auf.“

Der Laserstrahl in „Goldfinger“ zielt auf Bonds „Männlichkeit in Reinform“

 

Wie sehr sich das Frauenbild verändert hat, darüber referiert Anglistin Cordula Lemke (Berlin) . Ihre Grundprämisse stammt von Virginia Woolf: die Frau als Spiegel, in dem der Mann sich vergrößern kann. Ian Flemings erster Bond-Roman „Casino Royale“ erschien 1953, im selben Jahr wie der erste „Playboy“, und „Bond konnte sich ohne Schuldgefühle ungehemmt der Promiskuität hingeben.“ Lemke zeigt die Szene aus „Goldfinger“ in der ein Laserstrahl auf den Schritt des festgeschnallten Agenten zusteuert – ein Angriff auf dessen „Männlichkeit in Reinform“.

Dann entlarvt sie ihn als Kopisten: Vor ihm stellt sich im Casino in „Dr. No“ eine Dame mit den Worten vor: „Trench, Silvia Trench“ – und er übernimmt den Wortlaut. In vielen Filmen retten Frauen 007 den Hals, und mit Judi Dench als neuer Geheimdienstchefin in „Goldeneye (1995) ändert sich das Frauenbild. „Sie bezeichnet Bond als Dinosaurier, und Pierce Brosnan war sehr gut als Bond, der einfach gewartet hat, bis die Frauen von selbst kamen.“

Vesper Lind in „Casino Royale“ (2006) sei dann eine selbstständige Partnerin auf Augenhöhe gewesen, „in der Bond seinen Meister gefunden hat“, sagt Lemke. Nach ihrem Freitod aber sei er „wieder der unangefochtene Held der 1960er – in ,Spectre‘ wird die Frau wieder auf ihre klassische Rolle reduziert.“

Bond hat die Fähigkeit, sich überall anzupassen

Für ein „Kulturchamäleon“ hält die Stil-Analytikerin Anette Pankratz (Bochum) James Bond – zeitlos aber sei er nicht. Sie zeigt Sean Connery in den 60ern mit Hut und George Lazenby im Rüschenhemd: „Das ging gar nicht – genau wie alles, was Roger Moore in den 1970ern getragen hat.“ Bond habe die Fähigkeit, sich überall einzupassen: „Jamaica, Venedig, Istanbul, die Schauplätze wirken wie abgekoppelt, er ist nie fehl am Platz und bewegt sich überall ganz selbstverständlich.“

Gleichzeitig retro und Up-to-date sei Bond, auch wenn sonst niemand Wodka und Gin miteinander mische. „Geschüttelt, nicht gerührt – das sind kleine Unterschiede, an denen man sich abarbeiten kann“, sagt Pankratz, und erklärt den „Fleming-Effekt“: „Wir wollen alle Bond sein.“ ­Bemerkenswert findet Pankratz, dass Bond mit seinen „britischen Manierismen“ überall durchkommt: „In Fleming s Romanen verstehen selbst die Franzosen nichts vom Leben, sie brauchen Nachhilfe, wollen Briten sein und scheitern.“

In den Filmen wirkt die britische Folklore eher satirisch

„Problematische Englishness“ nennt das Christine Berberich, die in Portsmouth englische Literatur lehrt. „Als Fleming die Romane schrieb, war Großbritannien auf dem absteigenden Ast“, sagt sie. „Er hat stets beteuert, er sei völlig unpolitisch und habe keine ideologische Absichten, aber er schuf den besten Spion der Welt, der England zumindest im Geheimdienst noch gut aussehen ließ. Problematisch daran ist, dass neben dem Ideal Bond vor allem Ausländer und Andersrassige als minderwertig dastehen.“

In den Filmen, das gibt sie zu, wirke das eher satirisch, der Union Jack auf ­Fallschirmen und U-Booten. Fürs Publikum gehört das zu den Bond-Grundprinzipien, die sich bitteschön nie ändern sollen. Tobias Wallisser: „Christoph Waltz, Bösewicht Blofeld in ,Spectre‘, hat das mit der Vorhersehbarkeit des Kasperletheaters verglichen.“

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