Affenhaus-Desaster Wilhelma: Keiner will schuld sein

Von Michael Deufel 

Die neue Menschenaffenanlage der Wilhelma wird bald fertig, nur nicht wie jüngst angekündigt Ende März. Zoo-Chef Dieter Jauch will sich auf keinen Termin mehr festlegen, provoziert dafür einen Streit mit den Architekten und dem Land.

Stuttgart/Berlin - Zugegeben, es entspricht einem Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Doch wer am Mittwoch davon erfuhr, konnte sich einen Verweis auf das Flug­hafen-Desaster von Berlin kaum verkneifen: Die neue inzwischen knapp 22 Millionen Euro teure Menschenaffenanlage, hatte der Direktor der Stuttgarter Wilhelma, Dieter Jauch, mitgeteilt, werde auf keinen Fall, wie zuletzt angestrebt, Ende März, also kurz vor Ostern eröffnet – nachdem man angekündigte Termine wie Frühjahr, Sommer und ­Jahresende 2012 oder auch Ende Februar 2013 hatte verstreichen lassen müssen.

Der Umzugsplan sah eigentlich vor, dass sich Gorillas und Bonobos in diesen Tagen Stück für Stück an die ungewohnte, aber komfortablere Umgebung gewöhnen. „Wir lassen die Tiere erst einziehen, wenn alles funktioniert, davon sind wir aber weit entfernt“, so Jauch. Reste der Technik müssten installiert, Baumängel beseitigt werden.

Eröffnung jetzt für Sommer geplant

Der aktuelle Stand beim Affenhaus war am Mittwoch das wichtigste Thema, als der Zoo-Chef vor Medienvertretern Bilanz zog. Er wolle „einen vorsichtigen Ausblick wagen“, sagte Jauch nicht ohne Süffisanz. Das Jahr 2013 sei „mit vielen Unbekannten befrachtet“. Beim Eröffnungstermin werde er sich nicht festlegen, sehe aber für den Sommer realistische Chancen, Pfingsten „wäre absolut wünschenswert“. Nach leicht rückläufigen Besucherzahlen – 2,24 Millionen Gäste 2012 bedeuten 50 000 weniger als 2011 – und galoppierenden Kosten benötige der Zoo die Attraktion Menschenaffenhaus.

Jauchs letztes Jahresreferat – er geht im Dezember in den Ruhestand – gipfelte in einer harschen Kritik an den Architekten der Anlage und in einem etwas verklausuliert formulierten Unmut über die Spitze der Landesbauverwaltung im zuständigen Wirtschafts- und Finanzministerium.

Dem in Berlin ansässigen Büro Hascher Jehle Architektur warf der Direktor vor, zu selten präsent gewesen zu sein. Bei einem solch komplexen Projekt sollte der Architekt immer auch über eine Niederlassung in Stuttgart oder Umgebung verfügen. „Vierzehntägige Besprechungen reichen nicht aus.“ Mit Blick auf das nächste Großprojekt, den Neubau des Elefantengeheges, forderte Jauch im Zoobau erfahrene Planer.

Architekten und Land weisen Schuld von sich

Bei der zuständigen Bauabteilung des Landes bemängelte Jauch die dünne Personaldecke. Zudem habe es mit Bauamt, ­Ministerium, Architekten, Baufirmen und der Wilhelma als Nutzer sinngemäß zu viele Spieler gegeben. Solche Strukturen führten zu Verzögerungen und damit verbunden zu höheren Kosten. Der Zoo-Chef regte an, derartige Vorhaben von externen Projektsteurern abwickeln zu lassen. An die Politik richtete er den Appell, die Vergabe der Aufträge anders zu regeln. „Dass man den billigsten Anbieter nehmen muss, führt zu Preisdumping.“ Die vermeintliche Kostenersparnis hole einen später wieder ein.

Planer Sebastian Jehle kontert die Architektenschelte mit einem Verweis auf die Disziplin der Projektbeteiligten. Davon hänge ab, „ob Jour-fixe-Termine im Rhythmus von 14 Tagen erfolgreich sind oder nicht“. Mangelnde Erfahrung will sich der gebürtige Stuttgarter ebenso wenig vorhalten lassen. „Letztlich bleibt ein solcher Sonderbau immer ein Unikat.“ Es sei unmöglich, stets ein Referenzprojekt vorzuweisen.

Auch beim Land eckt der Zoo-Chef an. Die Notwendigkeit eines externen Projektsteuerers sieht man nicht: „Die Wahrnehmung der Bauherrenaufgabe gehört zu den originären Aufgaben der Staatlichen ­Vermögens- und Hochbauverwaltung.“ Es bestehe kein Anlass, von der bisherigen ­Praxis abzuweichen. Überdies hätte nicht mangelndes Personal zu Verzögerungen ­geführt, sondern ein problematischer Baugrund, Firmeninsolvenzen, Einsprüche nach Vergaben, aber auch „aufwendige Sonder­lösungen bei der Gehegeausstattung“. Das Argument dürfte Jauch nicht gelten lassen. Schon im Wettbewerb 2006 habe man einen 18-seitigen Nutzungskatalog vorgelegt.

Der war in Berlin sicher dicker. Affen sind eben keine Vögel mit Düsenantrieb.

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