AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel Scharfe Töne

Von Roland Pichler 

Die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel füllt bei Wahlkampfveranstaltungen die Säle. Foto: dpa
Die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel füllt bei Wahlkampfveranstaltungen die Säle. Foto: dpa

Vor einem Jahr war sie kaum bekannt: Die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel zeigt im Wahlkampf, dass sie schnell lernt und in der Partei nach ganz oben will. Ihre Inszenierung als Wutbürgerin kommt bei den Anhängern an.

Berlin - Es herrscht schönstes Sommerwetter, und an der Hauptstraße im Chemnitzer Vorort Reichenbrand ist einiges los. Es wäre eine ideale Zeit, um an diesem frühen Nachmittag an den See zu fahren oder auf dem Balkon zu sitzen. Doch die Passanten strömen zum Haus des Gastes, einem schmucklosen Veranstaltungsort am Ortsrand. Vor dem Gebäude steht ein blau lackierter Wahlkampfbus der Alternative für Deutschland (AfD), an dessen Karosserie ein Bild der Parteichefin Frauke Petry prangt. Doch Petry steht heute nicht auf dem Programm. Der neue Star der AfD – und davon hat es in der Partei schon einige gegeben – hat sich angesagt: die 38-jährige Alice Weidel, die zusammen mit Alexander Gauland Spitzenkandidatin ist.

In der AfD hat sie schon Prominenten-Status

Als Weidel einige Minuten zu früh den Saal betritt, erheben sich die Menschen und klatschen Beifall. Die Hauptrednerin, in beiger Hose, Hemd und dunklem Blazer gekleidet, wird von einem kleinen Tross begleitet – die AfD hat eigens einen Mann für die Sicherheit abgestellt, der nicht von ihrer Seite weicht. Im Publikum zücken einige ihre Handys und machen Bilder. Obwohl Weidel erst seit diesem Frühjahr an der Spitze der Partei steht, hat sie schon Prominentenstatus. Sie geht mit der neuen Rolle unverkrampft um. Als Besucher auf sie zukommen, lächelt sie und hat für jeden ein paar Worte übrig. Dass die promovierte Ökonomin in der Partei heraussticht, wird auf dem Podium deutlich. Fünf grauhaarige Männer sitzen neben Weidel am Tisch. Auch das Publikum besteht vorwiegend aus Männern über 50 Jahren.

Weidel sagt, es komme ihr selbst manchmal „ein Stück weit surreal“ vor, dass sie jetzt ganz vorne steht: „Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass ich diese Partei in den Bundestag führen werde.“ Bis vor einem Jahr hatte die Unternehmensberaterin noch keiner auf dem Schirm. Sie war nach der Bundestagswahl 2013 zur AfD Baden-Württemberg gestoßen, als die Eurokritiker den Einzug ins Parlament verpasst hatten. Vorher gehörte die Volks- und Betriebswirtin keiner Partei an. 2015 wurde sie in den Bundesvorstand gewählt und konzentrierte sich auf die Mitarbeit in Facharbeitskreisen. Aus den Führungsstreitigkeiten hielt sie sich, so gut es ging, heraus. Als der Parteitag im Frühjahr der Vorsitzenden Frauke Petry in wichtigen Fragen nicht mehr folgte, nutzte die Unbekannte ihre Chance. Sie wurde zur Spitzenkandidatin gewählt. Die Parteivorsitzenden Frauke Petry und Jörg Meuthen sind weiterhin im Amt, doch es ist ruhig um sie geworden. Petry hatte immer darauf gesetzt, als das bekannteste Gesicht der AfD unverzichtbar zu sein. Alice Weidel ist dabei, die Rolle zu übernehmen.

Wo sie hinkommt, sind die Säle voll

Wo sie hinkommt, sind die Säle voll. Rund 350 Leute sind in Chemnitz erschienen. Das ist für eine Saalveranstaltung bei gutem Wetter ein guter Wert. Die Wirtschaftswissenschaftlerin hat eine ungewöhnliche Wandlung durchgemacht. Sie selbst bezeichnet sich als Wutbürgerin – und unter diesem Motto inszeniert sie ihre Auftritte. Stürmischen Beifall erntet sie in Sachsen, wenn sie fordert, dass die Bundeskanzlerin Angela Merkel nach ihrer Amtszeit vor ein ordentliches Gericht gestellt werden soll. Grund dafür seien die Rechtsbrüche in der Flüchtlingspolitik. Gleich nach der Wahl in den Bundestag will die AfD die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses beantragen. Weidel wirkt in den Fernsehtalkshows wie eine nüchterne Ökonomin. Bei den Wahlkampfauftritten zeigt sie sich von einer anderen Seite. In Chemnitz wirft sie Merkel vor, „der deutschen Zivilbevölkerung einen Mob vorgesetzt zu haben“. Gemeint sind Menschen, die aus Not geflohen sind. Den Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) bezeichnet sie als „Schandfleck der Regierung“. Nun ist sicherlich richtig, dass Wahlkampf nichts für Zartbesaitete ist. Doch Weidel wandelt auf einem schmalen Grat.

Um ihren Vorwurf der falschen Flüchtlingspolitik zu untermauern, hält sie ihr Handy in die Höhe und fordert das Publikum auf, auf Google die Worte „Mann und Messer“ einzugeben. Weidel macht das vor und liest die Nachrichten mit Messerstechereien vor – einige davon handeln von Konflikten in Flüchtlingsheimen. Aus ihrer Sicht hat das alles die Kanzlerin zu verantworten. „So geht das nach zwölf Jahren Merkel“, stellt sie in schneidendem Ton fest. Als die Politikerin ihre einstündigen Ausführungen beendet, stehen die Leute auf und klatschen frenetisch in die Hände. Danach gibt es noch Selfies. Ein älterer Herr sagt auf dem Nachhauseweg zu seinem Begleiter: „Tolle Rhetorik.“

Die Aufsteigerin kommt beim Publikum der AfD an. In den ersten Wochen, nachdem sie zur Spitzenkandidatin gekürt worden war, wirkte sie noch unsicher – und verlor sich mitunter in sachpolitischen Detailfragen. Doch das hat sich geändert. Bei ihren Auftritten vermittelt sie den Eindruck, als könne sie sich selbst in Rage reden. Der Ton ihrer Reden wird dann laut und scharf. „Ich kann mich manchmal nur mit Not runterdimmen“, sagt sie zu ihren Zuhörern. Dann müsse sie Bachblüten oder Hagebuttentee zu sich nehmen – damit hat sie die Lacher auf ihrer Seite. Wer Weidel zuhört, fragt sich manchmal, wie groß der Anteil an gespielter Empörung ist. Das gilt etwa, wenn die Wirtschaftsexpertin die kühne Behauptung aufstellt, dass die Regierung bald Bargeldzahlungen von mehr als 1000 Euro verbieten wird, um von Sparern negative Zinsen zu kassieren. Da kann Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) noch so oft sagen: „Das ist Quatsch.“

Über die Person ist nicht viel bekannt

Was ist das für eine Politikerin, die den etablierten Parteien vorwirft, in deren Reihen gebe es nur noch Politikdarsteller? Über Persönliches und Berufliches gibt Weidel nicht viel bekannt. Sie lebt mit ihrer Partnerin in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft, das Paar zieht zwei Kinder groß. Als sie einmal mit Alexander Gauland vor Journalisten saß, führte dieser aus, das Zusammenleben von Mann und Frau müsse das staatliche Leitbild sein. Weidel saß direkt daneben – und schwieg.

Im Wahlkampf spricht sie ihre Lebenssituation an. Jeder solle nach seiner Fa­çon glücklich werden. Die „Ehe für alle“ lehnt sie vehement ab. Bei ihren Auftritten geht sie so weit, dass sie das angeblich tuntenhafte Gehabe von schwulen Grünen-Politikern nachahmt. Es kommt ihr auf Effekte an. Über ihren beruflichen Werdegang ist wenig bekannt. Sie verbrachte zu Forschungszwecken einige Zeit in China und arbeitete bei Finanzkonzernen. Lange ist sie bei keiner Firma geblieben. Zuletzt war sie als Unternehmensberaterin tätig. Dass sie witzig sein kann, klingt manchmal durch – wenn sie etwa beschreibt, wie sie im Fernsehen bei „Anne Will“ zur besten Sendezeit den Fraktionsvorsitzenden Thomas Oppermann (SPD) und Volker Kauder (CDU) gegenübersaß. Beide duzten sich ständig während der Sendung. Das sei ihr vorgekommen wie die „Muppet Show“.

Die Partei schickt sie oft ins Fernsehen

Im Wahlkampf reisen Weidel und Gauland quer durch die Republik. Bisher klappt die Abstimmung mit dem 76-jährigen Gauland reibungslos. Der Nationalkonservative mit Hang zu rassistischen Sprüchen hat klare Vorstellungen von der Innen- und Außenpolitik. Weidel versucht, in erster Linie mit ökonomischen Themen zu punkten. Die AfD-Strategen schicken sie gern ins Fernsehen, um auch Frauen anzusprechen. Die Arbeitsteilung funktioniert.

Dass beide Politiker völlig unterschiedlich denken, wissen Gauland und Weidel zu verbergen. Gauland hält es nach wie vor für wichtig, den AfD-Rechtsaußen Björn Höcke einzubinden. Er macht bis heute kein Hehl daraus, dass er das Parteiausschlussverfahren wegen Höckes Dresdner Rede für falsch hält. Weidel dagegen warb im Bundesvorstand für den Rausschmiss Höckes. Die Konflikte werden im Wahlkampf zugekleistert. Wie verschieden beide Spitzenkandidaten sind, zeigt sich an Kleinigkeiten. So warnt Gauland bei seinen Wahlveranstaltungen davor, den US-Präsidenten vorschnell zu kritisieren. „Lasst euch nicht einreden, dass dieser Mann verrückt ist“, sagt Gauland seinen Anhängern. Trump sei ein Vorbild dafür, dass ein Präsident umsetzt, was er versprochen hat. Weidel meint dagegen: „Der US-Präsident soll weniger twittern und mehr Politik machen.“

Anders als bei den sonstigen Parteien treten die AfD-Spitzenkandidaten meist in geschlossenen Räumen auf. Das befördert eine gewisse Wagenburg-Mentalität. Als Weidel in der Alten Handelsbörse in Leipzig vor 300 Besuchern spricht, versuchen zwei Dutzend junge Demonstranten mit Trillerpfeifen die Veranstaltung zu stören. Weidel beklagt, dass Demonstranten Andersdenkende nicht zu Wort kommen lassen. Das passiere der AfD oft, sagt sie. Aber es passiert nicht nur der AfD. Bei einem Auftritt Gaulands im brandenburgischen Jüterbog ruft der örtliche AfD-Kandidat dazu auf, zur Wahlkundgebung der Kanzlerin zu erscheinen und zu protestieren. Angela Merkel ist Tage später in Brandenburg/Havel wegen des Pfeifkonzerts der AfD kaum zu verstehen.

Lesen Sie jetzt