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Ägypten Warum es besser ist, blind zu sein

Winfried Weithofer, vom 10.01.2012 18:36 Uhr
Packender Erzähler: StN-Korrespondent Karim El-Gawhary Foto: Piechowski
Packender Erzähler: StN-Korrespondent Karim El-Gawhary Foto: Piechowski
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Stuttgart - Die Umbruchphase im Land am Nil wird noch jahrelang weitergehen: Davon ist Karim El-Gawhary, Korrespondent unserer Zeitung in Kairo, überzeugt. „Man muss das Ganze als Prozess sehen“, sagt er. Seit 20 Jahren arbeitet er in der ägyptischen Hauptstadt, wo sich die Ereignisse immer wieder überschlagen. Selbst in den heikelsten Momenten hat er sich bei seinen Reportagen – unter anderem für das österreichische Fernsehen – nicht aus der Ruhe bringen lassen, hat souverän und professionell berichtet.

Am Montagabend zieht er die rund 100 Gäste, die ihm im Pressehaus Stuttgart zuhören, in seinen Bann. Der 48-Jährige, befragt von unserem Redaktionsmitglied Michael Weißenborn, ist ein Kenner der arabischen Seele: Er sucht die Nähe zu den Menschen, verfügt über einen weiten Kreis von Informanten und ist in der modernen Kommunikation – Facebook und Twitter – zu Hause: „In Ägypten gibt es mehr Facebook-Nutzer als Tageszeitungsleser“, sagt er.

So ist er ganz nah dran an den Ereignissen, und entsprechend authentisch sind seine Nahaufnahmen aus der Revolution. Er liefert Geschichten, die tief bewegen: Da ist zum Beispiel die über das Schicksal eines verletzten 13-Jährigen, den Schläger des Mubarak-Regimes am Rande des Tahrir-Platzes in ihre Fänge bekamen. Kaum hatte ein Arzt die Wunde vernäht, lief der Junge wieder davon – mit den Worten: „Ich habe keine Zeit, ich muss unseren Platz verteidigen.“ Kurz darauf wurde er von einer Kugel in den Kopf getroffen. Erschütternd auch, was einem Zahnarzt auf dem Tahrir-Platz widerfuhr: Er hatte zu Beginn des Aufstands im Januar 2011 durch ein Gummigeschoss der Polizei sein rechtes Auge verloren und vor wenigen Wochen, als es zu neuen Auseinandersetzungen in Kairo kam, sein linkes. Von ihm stammt die revolutionäre Erkenntnis: „Es ist besser, blind zu sein und erhobenen Hauptes durchs Leben zu gehen als sehen zu können und auf den Boden schauen zu müssen.“ Ein Ausdruck der Tatsache, dass sich die jahrzehntelange politische Ohnmacht in politische Macht verwandelt habe, urteilt El-Gawhary.

Wie geht es mit Ägypten weiter?

Nein, so schnell wird Ägypten nicht zur Ruhe kommen. Noch steht das Endergebnis der Parlamentswahlen aus, doch schon heute ist der Sieg der Islamisten sicher: Sie können rund zwei Drittel der Stimmen auf sich vereinigen. El-Gawhary glaubt allerdings nicht, dass die eher moderate Muslimbruderschaft und die radikalen Salafisten ein Regierungsbündnis schmieden. Eher komme eine Koalition der Bruderschaft mit den Liberalen in Betracht. Doch wer auch immer an der Macht sei, stehe vor gewaltigen Herausforderungen. „Das Land hat wahnsinnige Probleme, sozial und wirtschaftlich“, sagt er. Das Ausland investiere praktisch nicht mehr, der Tourismus sei eingebrochen, die Verarmung schreite fort. „Vier von zehn Ägyptern leben von etwas mehr als einem Euro am Tag.“

El-Gawhary kann packend erzählen – und auch austeilen. Den Europäern wirft er vor, auf die Ereignisse in Arabien keine Antwort gefunden zu haben, und zwischendrin erlaubt er sich auch einen Seitenhieb gegen einige der Medien, die er beliefert: Als er wenige Tage vor dem Sturz des tunesischen Herrschers Ben Ali Anfang 2011 die Kollegen beschworen habe, einen Bericht über das Brodeln im Land abzudrucken, sei er häufig abgeblitzt. „Doch nicht zwischen Weihnachten und Neujahr“, habe man ihm beschieden.

Und wie geht es weiter mit Ägypten? El-Gawhary spricht von einer gefahrvollen Übergangsphase, durch die das Land durchmüsse, davon, dass die konservativen arabischen Golfstaaten durch Unterstützung radikaler Kräfte den Prozess noch sabotieren könnten. Doch den Menschen im Land kann man nach den Worten El-Gawharys nichts mehr vormachen: „Nur zu sagen, der Islam ist die Lösung, reicht nicht mehr.“

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