Abrissbirne schlägt nicht ins Gaswerk

Von "Blick vom Fernsehturm" 

Degerloch. Die Stadt verkauft zwar das historische Gebäude an der Roßhaustraße, sichert aber dessen Erhalt zu. Von Rüdiger Ott

Degerloch. Die Stadt verkauft zwar das historische Gebäude an der Roßhaustraße, sichert aber dessen Erhalt zu. Von Rüdiger Ott

Ob die Initiative zur Rettung des alten Degerlocher Gaswerks Erfolg hatte, darüber lässt sich streiten. Fakt ist, dass der Wirtschaftsausschuss des Gemeinderats am Freitag entschieden hat, das Backsteingebäude aus dem Jahr 1903 zu verkaufen. Das wollte Helmut Doka von der Initiative Degerloch 1900 verhindern. Denn er befürchtete, ein Investor würde das Gebäude abreißen, womit auch ein Stück Degerlocher Geschichte für immer verloren ginge. Fakt ist aber auch, dass keine Abrissbirne einschlagen wird. Denn der Wirtschaftsausschuss stimmte nur unter der Bedingung zu, dass der neue Besitzer an der äußeren Erscheinung des Gaswerks nichts verändern darf. So soll es im Grundbuch stehen.

Im November vergangenen Jahres wurde bekannt, dass die Gebäude an der Roßhaustraße 63 und 65 auf einer städtischen Ausverkaufsliste stehen, um das Haushaltsloch zu verkleinern. Die meisten Punkte auf der Liste mit den sogenannten "nicht benötigten Immobilien" erregten kein Interesse. Nicht so das Gaswerk. Prompt formte sich der Widerstand, zuvorderst in Person von Doka und den beiden Ortshistorikern Gerhard Raff und Albert Raff.

Ortsbegehungen wurden organisiert. Der örtliche Bezirksbeirat stellte sich einstimmig hinter die Initiativler. In einem Brief sicherte sogar Baubürgermeister Matthias Hahn seine Unterstützung zu. Der Denkmalschutz wurde erfolglos bemüht, um den Verkauf zu verhindern. Laut dem Landesamt für Denkmalpflege ist das Gemäuer zwar alt, aber nicht schützenswert. Anders der jungsteinzeitliche Boden unter dem Haus, befand Gertrud Clostermann von dem Amt - und lieferte den Gaswerk-Schützern ein neues Argument. Diesem schloss sich schließlich auch die Gemeinderats-SPD an.

Vergeblich. Mit Ausnahme der SPD und der Fraktionsgemeinschaft Linke/SÖS stimmten alle Parteien für den Verkauf. "Natürlich sind wir enttäuscht", sagt Doka - auch wenn er den Grundbucheintrag, der den Erhalt des Gebäudes sichern soll, als kleinen Erfolg verbucht. Ihm hatte Größeres vorgeschwebt, etwa ein kleines Museum, um die Bedeutung des Gaswerks und des benachbarten Wasserwerks aus dem Jahr 1872 für den Flecken zu erläutern. Das Wasserwerk steht an der Roßhaustraße 61 und steht nicht zum Verkauf. Aufgeben will Doka aber noch nicht. Das Argument mit dem jungsteinzeitlichen Boden will der einstige SPD-Stadtrat dem Regierungspräsidium vortragen.

Noch im März hatte der Christdemokrat Joachim Rudolf bei einem Besuch im Bezirksbeirat zugesichert, auch er werde sich dafür stark machen, dass die Stadt das alte Gaswerk behält. Dennoch stimmte er am Freitag für den Verkauf. "In der angespannten Finanzlage ist das eine sinnvolle Entscheidung", sagt er. Und schließlich sei der Abriss vom Tisch. "Das Gebäude bleibt erhalten, ohne dass die Stadt für den weiteren Unterhalt aufkommen muss", sagt er. Die Kosten seien nicht zu unterschätzen.

Mit dem Verkauf profitiert die Stadt gleich doppelt. Sie bekommt Geld. Und sie fördert damit die Nachverdichtung in Degerloch. Dies ist erklärtes politisches Ziel. Das Grundstück ist so groß, dass auf der Wiese ein zusätzliches Mehrfamilienhaus gebaut werden könnte. Erschlossen würde dieses am Gaswerk vorbei, weshalb der Bauplatz nicht einzeln verkauft werden kann. Die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) hat bereits Interesse bekundet und die beiden Häuser am vergangenen Montag begutachtet. "Erst durch diesen Bauplatz wird der Verkauf interessant", sagt Thomas Zügel, der Leiter des Liegenschaftsamts.

Und dies, obwohl auf der Wiese nach dem derzeitigen Stand der Rechtslage noch gar nicht gebaut werden darf. Das Grundstück ist Teil des neuen Bebauungsplans für die Ramsbachstraße, um den es in der Vergangenheit Streit gab. Gegen die geplante Nachverdichtung auf einem Grünstreifen entlang der Straße hatten Anwohner protestiert, 684 Unterschriften gesammelt und 735 Einwände formuliert. Die Baugegner scheiterten. Doch hatte die Verwaltung den Bebauungsplan in zwei Hälften geteilt. Und nur der erste Teil wurde im Sommer 2009 vom Gemeinderat verabschiedet. "Vor 2011 gibt es bestimmt kein verbindliches Planungsrecht", sagt Detlef Kron, der Leiter des Stadtplanungsamts. Verkauft wird trotzdem, die Ausschreibung ist für Juni vorgesehen.

Redaktion Degerloch

Ansprechpartner
Cedric Rehman
degerloch@stz.zgs.de

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