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300 Jahre Kehrwoche Kehrdichein mit einem Besen

Von Andrea Jenewein 

Die Gassensäuberungsordnung von 1714 Foto: Staatsarchiv
Die Gassensäuberungsordnung von 1714Foto: Staatsarchiv

Für viele Stuttgarter gehört die Kehrwoche zu den Gesetzmäßigkeiten des geordneten Lebens. Auch nach 300 Jahren. Denn so alt ist die Kehrwoche – mindestens. Die erste Stuttgarter Gassenordnung stammt vom 12. Januar 1714, erlassen von Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg

Für viele Stuttgarter gehört die Kehrwoche zu den Gesetzmäßigkeiten des geordneten Lebens. Auch nach 300 Jahren. Denn so alt ist die Kehrwoche – mindestens. Die erste Stuttgarter Gassenordnung stammt vom 12. Januar 1714, erlassen von Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg

Stuttgart - Die Kehrwoche laut Duden

Kehrwoche, die Wortart: Substantiv, feminin; Gebrauch: süddeutsch, besonders schwäbisch; Bedeutung: Woche, in der eine Mietpartei verpflichtet ist, die Treppe (den Bürgersteig oder Ähnliches) zu reinigen.
 

Die Historie

Wer hat sie erfunden? Und wann? Darum wird nicht nur beim schweizer Kräuterbonbon, sondern auch bei der schwäbischen Kehrwoche redlich gestritten.

Böse Zungen behaupten gar, dass der Putzfimmel der Schwaben seinen Ursprung in Frankreich hat. Als Napoleon regierte, erließ er viele Bestimmungen zur Reinhaltung der Straßen und Häuser. In diese Zeit der Vereinheitlichung des französischen Rechts, das auch in den von Napoleon an Frankreich angegliederten Gebieten seine Geltung hatte – also auch in Baden – , ließe sich die Einführung der Kehrwoche einordnen. Ob man da beim Nachbarn gespickelt hat? Aber diese Vermutung kehren Schwaben freilich gern unter den Teppich.

Die gängigere und beliebtere Meinung ist die, dass die schwäbische oder württembergische Kehrwoche auf einer Vielzahl von Erlassen beruht, die seit Ende des 15. Jahrhunderts in Württemberg herausgekommen sind, um die Menschen zu Ordnung und Sauberkeit im häuslichen Umfeld anzuhalten. So stand bereits im Stuttgarter Stadtrecht von 1492, das Graf Eberhard im Barte aufgesetzt hatte: „Damit die Stadt rein erhalten wird, soll jeder seinen Mist alle Wochen hinausführen, (...) jeder seinen Winkel alle vierzehn Tage, doch nur bei Nacht, sauber ausräumen lassen und an der Straße nie einen anlegen. Wer kein eigenes Sprechhaus (WC) hat, muss den Unrath jede Nacht an den Bach tragen“.

Doch was hat es dann mit dem Jahr 1714 auf sich? Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg erließ damals das erste eigenständige Gesetz zur Sauberkeit, nämlich die erste Stuttgarter Gassensäuberungsordnung, die sieben Seiten umfasst und im Hauptstaatsarchiv Stuttgart einzusehen ist. Der Herzog hatte feststellt, dass „gar solch nützliche Verordnungen nun bei geraumen Jahren her aus den Augen gesetzt“ waren. Das heißt: Niemand hielt sich mehr an die Vorgaben zur Ordnung und Sauberkeit in der Stadt. Das galt es zu ändern – und das gelang nachhaltig: Heute ist in Stuttgart ­ die Kehrwoche im Mietvertrag geregelt.

Das Aus für die Kehrwoche

Als geradezu frevelhaft wurde von vielen Stuttgartern der Beschluss vom 17. Dezember 1988 angesehen. An diesem Tag nämlich hat Manfred Rommel, seines Zeichens Oberbürgermeister der Stadt, die Kehrwoche für öffentliche Straßen und Gehwege abgeschafft.

Zuvor gab es exakte Regeln in einer Satzung über „das Reinigen, Räumen und Bestreuen der Gehwege“. Die Bürger hatten die Auflage gehabt, „mindestens einmal wöchentlich“ zu fegen. Wer sich nicht daran hielt, dem konnte ein Ordnungsgeld zwischen fünf und tausend Mark angedroht werden.

Doch in jenem Dezember 1988 haben die Stadtväter beschlossen – mit nur einer Gegenstimme vom damaligen Stadtrat Rudolf Bläser – , dass nur noch „bei Bedarf“ gekehrt werden muss. Die Empörung war groß. Die Stuttgarter beharrten auf ihr Recht auf die Kehrwoche. Schließlich gehöre die zum Schwaben wie der Trollinger oder die Spätzle. Da half es auch wenig, dass der CDU-Fraktionschef Heinz Bühler beschwichtigend sagte, dass „schwäbische Frauen für Sauberkeit sind, das braucht man denen nicht durch eine Polizeiverordnung zu sagen“. Auch die Beteuerung von Rommel „Wir können die Kehrwoche ja wieder einführen, wenn Stuttgart zu schmutzig wird“, besänftigte die Gemüter kaum. Aber, den Kehrwochen-Wütigen sei’s ein Trost: Es gibt die Kehrwoche noch, vielen Mietern wird sie durch den Mietvertrag auferlegt.

Regeln der Kehrwoche

Da die Kehrwoche im jeweiligen Mietvertrag geregelt ist, gibt es von Haus zu Haus Unterschiede. In der Regel wird aber zwischen der kleinen und der großen Kehrwoche unterschieden: Bei der kleinen Kehrwoche muss der Bewohner üblicherweise den Flurbereich vor seiner Wohnungseingangstüre und den zum nächsten Stockwerk hinunterführenden Treppenabschnitt im wöchentlichen Wechsel mit den anderen Etagennachbarn säubern. Bei der großen Kehrwoche reinigen alle Bewohner des Hauses im wöchentlichen Wechsel Kellertreppe- und Flur, Hauseingang, den Gehweg des Hauses und Gemeinschaftsräume. All das ist natürlich kein Problem für den Schwaben, dem nachgesagt wird, sogar Mülltonnen innen auswischen.

Alt-Stadtrat Rudolf Bläser, der als einziger gegen die Abschaffung der Kehrwoche stimmte, verweist auf die Regel, dass bei allen Monaten, in denen ein R vorkommt (Januar, Februar, März, September, Oktober, Dezember), die Kehrwoche noch wichtiger sei als sonst: Klar, denn dann ist Herbst beziehungsweise Winter.

Die wichtigste – ungeschriebene – Regel ist jedoch, die Kehrwochen-Pflichten möglichst an einem Samstagvormittag zu erledigen. Zu diesem Zeitpunkt ist die Chance am größten, von Mitbewohnern gesehen zu werden.

Kehrwoche und ihr Ruf

Die Kehrwoche als typisch schwäbische Eigenart ist immer Objekt von Scherzen auf Kosten der als spießig verschrienen Schwaben – oder von diesen selbst. Oft wird die Kehrwoche als Exempel für die sprichwörtliche württembergische Kleinbürgerlichkeit verwendet. Dies rührt vielleicht auch daher, dass die Nachbarschaft eine ausgeprägte Erwartungshaltung hinsichtlich Umfang und Intensität der Reinigungsarbeiten hat.

Benötigte Utensilien

Für die Kehrwoche sind ein Kehrwochenschild, eine Kittelschürze, ein Putzlumpen, eine Kutterschaufel und ein -eimer sowie ein Besa unabdingbar.

 

Geschäftsmodell Kehrwoche

In Baden Württemberg besserte ein Student 1995 sein Taschengeld auf, indem er bei den Leuten anfragte, ob er die Kehrwoche und was dazu gehört erledigen kann. Ein halbes Jahr später hatte er schon 180 Mitarbeiter. Als er über 300 Mitarbeiter hatte, brach er sein Studium ab und machte dies hauptberuflich. Kehrwoche kurios
Ja, bei der Kehrwoche verstehen Schwaben keinen Spaß. Das musste auch Klaus-Peter Hartmann, Leiter der Volkshochschule Calw, erfahren. Dieser hatte einen „Kehrwochen- Kompaktkurs“ für den l. April 1998 in das VHS-Veranstaltungsangebot aufgenommen. Bei diesem Datum, dachte er, würde niemand reagieren. Der Kurs biete nach einer theoretischen Einführung in die „historisch-soziologische Bedeutung“ der Kehrwoche auch praktische Übungen. So würden Materialkunde (Besen, Schrubber, Kehrblech-Konstruktion) und das Erlernen. der wesentlichen Griff-, Halte-, Schwung- und Schrubbtechniken gelehrt. Am Ende des Kurses sollten die Teilnehmenden in der Lage sein, selbstständig ein Stück Straße zu kehren, hieß es. In kurzer Zeit gingen fast 100 ernst gemeinte Anmeldungen ein.

Die Kehrwoche in der Kunst

Die Kehrwoche dient vielen Kabarettisten als satirische Vorlage. Der Humorist Uli Keuler allerdings sagt, die Kehrwoche sei nichts anderes als organisiertes Putzen – und somit stinknormal. Peter Härtling, Schriftsteller aus Nürtingen, findet gar lobende Worte für diese Tradition: „Die Kehrwoche führt eine demokratische Praxis vor. Der Schmutz aller wird nicht einem aufgeladen, sondern ein jeder kehrt ihn für einen jeden fort. Das ist ein Stück Common Sense, praktizierter Bürgersinn.“

Auch der Kabarettist und Mundartautor Eberhard Sorg sang einst ein Loblied auf die Kehrwoche: „Nix zom Kehra semmer krank / endlich d’Kehrwoch, Gott sei Dank / Also schwätzet bloß koin Bäbb / Gail isch bloß dr Bäsaräpp.“ MC Bruddaal sprechgesangt in dem Song „Kehrwoch“: „Kehrwoch, schaffe, Du muscht Dich aufraffe, Du bisch wieder dra“.

Aber auch international ist die Kehrwoche ein Thema – selbst in der Kunst. So greift die Stuttgarter Schriftstellerin Nilgün Tasman in ihrem Theaterstück „Kehrwoche am Bosporus“, eine autobiografische Begebenheit auf: Ihre Familie ist in die Türkei zurückgekehrt, aber Nilgüns Mutter fallen Dinge ein, die sie dort hinter sich gelassen hat und nun sehr vermisst: vor allem die schwäbische Kehrwoche.

Das Recht auf Kehrwoche

Es ist erstaunlich: In den letzten Jahrzehnten verzeichnete das Amtsgericht Stuttgart nur eine Zivilklage zum Thema Kehrwoche. Im Jahr 2004 klagte eine Vermieterin vor dem Amtsgericht Stuttgart. Sie verlangte von ihren Mietern, einer Abänderung des Mietvertrages betreffend die Durchführung der Hausreinigung zuzustimmen. Die Klägerin vermietete damals eine Zwei-Zimmer-Wohnung an die Beklagten. Die Hausordnung sah vor, dass die Hausflure und -treppen von den jeweiligen Mietern eines Stockwerkes in wöchentlichem Wechsel zu reinigen sind. 2003 wies die Vermieterin alle Mieter des Gebäudes darauf hin, dass eine gewerbliche Firma beauftragt worden sei, fortan die Kehrwoche zu erledigen, da diese nicht ordnungsgemäß erledigt würde. Dafür hätten die Mieter monatlich zehn Euro zu zahlen. Die Mieter aus der Zwei-Zimmer-Wohnung trugen vor Gericht vor, es sei falsch, dass sie ihren Reinigungsverpflichtungen nicht nachkämen. Sie beharrten auf ihr Recht, die Kehrwoche selbst zu erfüllen. Das Gericht urteilte, dass die Klage der Vermieterin unbegründet ist: Ohne Einverständnis der Beklagten und ohne Änderung des Mietvertrages darf den Beklagten die Pflicht und das Recht zur Hausreinigung nicht entzogen werden.

Die ganz große Kehrwoche

Der ehemalige OB Wolfgang Schuster machte unter anderem mit seiner Kampagne „Lets putz“ Furore: Tausende mit Eimer und Besen bewaffnete Bürger ließ er in den 1990er Jahren die Stadt blitzblank polieren – freiwillig natürlich. Mit dieser konzertierten Fegeaktion wurde die schwäbische Kehrwochen-Historie quasi neu geschrieben .

Kehrwochen-Führungen:

Frau Schwätzele weiß, wo’s langgeht: „I han Kehrwoch“, heißt das Credo der schwäbischen Hausfrau, die mit Besen und Staubtuch bewaffnet, Touristen durch Stuttgart führt. Klischee kommt offenbar an: Die Kehrwochen-Tour war der Renner unter den Entdeckertouren von Stuttgart-Marketing 2012.

Auch Arttours Stuttgart bietet einen Kehrwochen-Führung an – mit einem ganz persönlicher Einblick in den Alltag Stuttgarts von Susanne Kudielka und Kaspar Wimberley. „We will kehr for you” bietet Touristen die Möglichkeit, an der Kehrwoche teilzunehmen. Sie werden an Stuttgarter Bewohner vermittelt, die für den aktuellen Kehrwochendienst zugeteilt sind. Nach einer kurzen Einweisung führen die Touristen die Kehrwoche aus und werden im Anschluss vom dankbaren Bewohner mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen entlohnt.

Kehrwoche und Gesundheit

2009 war Hans-Peter Geiselhart vom Diakonieklinikum mit einem Vortrag über die Kehrwoche unterwegs. Seine These, wie wichtig die Kehrwoche ist, damit niemand auf einem glitschigen Gehweg ausgleitet, untermauerte der Arzt mit Röntgenbildern von Schenkelhalsbrüchen. Für den, der beim Putzen stürzte, hat Geiselhart folgenden Trost: „Wer Trepp’ und Gehsteig sauber hält, aber beim Putzen bös’ hinfällt, dem steht, das wollen wir hoffen, die OP-Tür immer offen.“ Und, nicht zu vergessen: Die Kehrwoche hält freilich auch fit! Die Kehrwoche im Alter
Alter schützt vor Kehrwoche nicht, es sei denn, man hat so nette Nachbarn wie Rosel Lohse-Link: Die Dame bekam zum 80. Geburtstag von den Nachbarn geschenkt, die nächsten zwanzig Jahre von der Kehrwoche befreit zu sein. Die Kehrwoche und die Folgen
Jedem, der die Kehrwoche zu machen hat, ist zu raten, eine Haftpflichtversicherung zu haben. Das sagt Angelika Brautmeier vom Mieterverein Stuttgart. Denn sollte jemand auf Laub oder Schnee ausrutschen und sich verletzen, wird derjenige dafür zur Verantwortung gezogen, der zu diesem Zeitpunkt Kehrwochendienst hatte.

Blaulicht KehrwocheIm Jahr 2006 gab sich ein Paar als Polizisten aus, um ältere Hausbewohner zum Schneeräumdienst auf Gehwegen zu zwingen. Die echte Polizei mutmaßte, dass es sich um Betrüger handelte, die sich mit diesem Ablenkungsmanöver Zutritt zur Wohnung verschaffen wollten. In Fellbach wurde 2010 ein Kehrwochenschild entwendet, ein „Anschlag auf schwäbisches Kulturgut“. Die Folgen: Niemand wusste mehr, wer die Kehrwoche hatte.

Die moderne Kehrwoche

Fast 300 Jahren lang wurde die Kehrwoche mit Besen und Schaufel gemacht. Doch in den 1990er Jahren setzte die Technisierung des Kehrdienstes ein. Ein schwäbischer Motorsägenhersteller aus Waiblingen brachte sogenannte Laubbläser auf den Markt. Sie wurden als „windige Putzhilfe“ und „Konkurrenz zu Besen und Rechen“ gefeiert – der Schwabe aber betrachtet die Technisierung skeptisch, sogar die elektrische Schneeschippe. Unternehmen, die heute oft den Kehrwochendienst für die Mieter übernehmen, nutzen sie aber gerne. Der Besa ist und bleibt aber unabdingbar! Auf die nächsten 300 Jahre!

 

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