12,5 Millionen Betroffene Mehr Armut in Deutschland

Von Nils Mayer 

Der letzte Ausweg, wenn das Geld nicht zum Leben reicht: die Straße Foto: dpa
Der letzte Ausweg, wenn das Geld nicht zum Leben reicht: die StraßeFoto: dpa

Der Paritätische Gesamtverband schlägt Alarm: Einer neuen Studie zufolge sind 15,5 Prozent aller Menschen in der Bundesrepublik von Armut bedroht – so viele wie noch nie. Und das, obwohl die Wirtschaft floriert und die Arbeitslosenquote sinkt.

Berlin/Stuttgart - Die Zahl der armen Menschen in Deutschland hat einen neuen Höchststand erreicht. Einem aktuellen Bericht des Paritätischen Gesamtverbands zufolge nahm die Armutsquote 2013 in der Bundesrepublik von 15,0 auf 15,5 Prozentpunkte zu. Damit gelten mehr als 12,5 Millionen Bundesbürger als arm.

Betroffen sind vor allem Arbeitslose, Alleinerziehende ohne Abschluss oder mit einem geringen Bildungsniveau, Familien mit vielen Kindern und Rentner. „Noch nie war die Armut in Deutschland so hoch und noch nie war die regionale Zerrissenheit so groß wie heute“, prangert der Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, Ulrich Schneider, an.

Hamburg, Bremen und im Saarland besonders betroffen

Er bezieht sich auf den Zeitraum seit der ersten Erhebung vor 20 Jahren. Auch die Schere zwischen armen und reichen Regionen gehe immer weiter auseinander. Vor allem Menschen in Hamburg, Bremen und im Saarland sind von der neuerlichen Armutswelle betroffen. In Bayern und Baden-Württemberg hat sich die Lage ebenfalls verschlechtert, allerdings nur leicht.

Im bundesweiten Vergleich haben die beiden Länder nach wie vor eher wenig Armutsprobleme. Bayern hat mit 11,3 Prozent (2012: 11,0) die geringste Armutsquote, dicht gefolgt vom Südwesten mit 11,4 Prozent (2012: 11,1). Im Land ist etwa nur jeder neunte Einwohner als arm einzustufen. Die Region Bodensee-Oberschwaben hat mit 7,8 Prozent bundesweit die wenigsten Armen, in Stuttgart ist die Quote fast doppelt so hoch. Sie liegt bei 15,5 Prozent (2012: 13,3).

Doch wie kann es sein, dass die Armut wächst, obwohl der gesamtgesellschaftliche Reichtum zunimmt, die Wirtschaft brummt und die Arbeitslosenzahlen sinken? Die Entwicklungen von Wirtschaft und Armut seien inzwischen „vollständig entkoppelt“, sagte Schneider. Die soziale Ungleichheit werde immer größer.

892 Euro für einen Single-Haushalt und 1873 Euro für eine Familie

Zu den Armen gehören nach Definition des Sozialverbands diejenigen Menschen, die mit weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens auskommen müssen. Das sind umgerechnet 892 Euro für einen Single-Haushalt und 1873 Euro für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren.

Um die steigende Armut in der Bundesrepublik zu bekämpfen, schlägt der Paritätische Gesamtverband ein ganzes Bündel an Maßnahmen vor: die Hartz-IV-Regelsätze von derzeit 399 Euro auf 485 Euro zu erhöhen, öffentlich geförderte Beschäftigung auszubauen, gering qualifizierte Alleinerziehende mit familienpädagogischen Hilfen und Bildungsangeboten zu unterstützen und die Altersgrundsicherung zu reformieren, wodurch Rentner mehr Geld bekommen sollen. Die wichtigsten Ad-hoc-Maßnahmen würden nach Berechnungen des Verbands 14,5 Milliarden Euro kosten. Geld, das man von den Reichen holen und umverteilen müsse.

Die Vorsitzende des Bundestags-Ausschusses für Arbeit und Soziales, Kerstin Griese (SPD), kündigte ein Maßnahmenpaket des Bundesarbeitsministeriums an. Dadurch sollen Menschen mit Gesundheitsproblemen und Alleinerziehende schrittweise in einen Job geführt werden und konkrete Hilfen erhalten. „Soziale Teilhabe ist ganz wichtig, damit Menschen aus der Armut und Langzeitarbeitslosigkeit herauskommen“, sagte Griese. Insgesamt müsse man „noch mehr in Bildung und frühe Hilfen investieren, damit sich die Arbeitslosigkeit nicht auf die nächste Generation vererbt.“

„Der Bericht zeigt, dass der soziale Zusammenhalt unserer Gesellschaft gefährdet ist“, sagte der sozialpolitische Sprecher der Grünen, Wolfgang Strengmann-Kuhn, den Stuttgarter Nachrichten: „Immer mehr Menschen stürzen sozial ab und bleiben bei der Wohlstandsentwicklung außen vor.“ Drastisch sei vor allem die Zunahme der Altersarmut, sagte Strengmann-Kuhn. Dem Bericht des Wohlfahrtsverbands zufolge ist die Armut bei den Menschen im Alter ab 65 Jahren um 37,5 Prozent gestiegen, bei Rentnern und Pensionären gar um 47,5 Prozent.

Die Bundesregierung beunruhigt das nicht. Altersarmut sei „nach wie vor kein weit verbreitetes Problem“, heißt es in einem Entwurf für den Nationalen Sozialbericht 2015, der den Stuttgarter Nachrichten vorliegt. Die Bundesregierung zählt Ältere nur zu den Armen, wenn ihr Grundsicherungsniveau unter 740 Euro liegt. „Die Bundesregierung ist auf dem sozialen Auge blind“, kritisierte der rentenpolitische Sprecher der Linken, Matthias Birkwald, angesichts der Zahlen: „Diese Schönfärberei und Ignoranz muss ein Ende haben.“

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