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1000 Soja-Bauern gesucht „Soja ist als Viehfutter zu schade “

Von Frank Rothfuss 

Volker Hahn von der Uni Hohenheim will heimisches Soja anbauen Foto: Landessaatzuchtanstalt, Universität Hohenheim
Volker Hahn von der Uni Hohenheim will heimisches Soja anbauenFoto: Landessaatzuchtanstalt, Universität Hohenheim

Volker Hahn von der Uni Hohenheim sucht 1000 Mitstreiter, die Sojabohnen in ihren Gärten anbauen. Hahn will die eiweißreiche Pflanze in Deutschland heimisch machen.

Stuttgart - Herr Hahn, wenn ich Ihren Soja anbaue, kann ich dann Tofu selbstmachen?

Das können Sie, zumindest in der Theorie und am einfachsten mit einem Thermomix. Man kann die Bohnen über Nacht quellen lassen, erhitzen, pürieren, abfiltern, das richtige Salz zugeben, dann flockt das Eiweiß aus und man hat seinen eigenen Tofu. Aber ich fürchte, der wird Ihnen nicht schmecken.
Tofu schmeckt doch ohnehin nach nichts?
Der schmeckt aber. Je nachdem, welche Bohnen sie bekommen, sogar ziemlich intensiv. Der Geschmack erinnert an grüne Bohnen, Japaner und Chinesen mögen das, für uns ist es gewöhnungsbedürftig. Nicht alle unserer Bohnen sind für Tofu geeignet, deshalb züchten wir solche, die uns Europäern auch schmecken.
Ich werde mit Ihren Bohnen also nicht zum Selbstversorger?
Nein. Außerdem müssen sie einen Teil davon zurück zu uns schicken, wir wollen den Gehalt von Öl und Eiweiß messen.
Was muss ich denn bieten, damit ich Sojabauer werden darf?
Man sollte sechs Quadratmeter im Garten übrig haben und bereit sein, Daten über die Pflanzen zu erheben und uns zu schicken. Mindestens einmal in der Woche sollten sie in den Garten gehen, nach der Pflanze schauen: Blüht sie? Wann blüht sie? In welcher Farbe? Wie groß ist sie? Wie viele Hülsen sind dran? Wenn Sie mit dabei sind, bekommen Sie von uns zwölf Tütchen mit je 100 Sojabohnen. Und natürlich eine genaue Anleitung.
Sie suchen 1000 Gärtner, wie wählen Sie die aus?
Wir haben Deutschland in fünf Breitengrade unterteilt und versuchen, dort überall und gleichmäßig unsere Züchtungen pflanzen zu lassen. Wenn Sie im Schwarzwald wohnen, werden wir Ihnen eine andere Sorte schicken als wenn Sie im Rheintal wohnen.
Warum überhaupt dieser Aufwand, in Brasilien wächst doch genug Soja?
Wir möchten gern heimischen Soja entwickeln, der auch hier gegessen wird. Soja hat einen so hohen Eiweiß-Gehalt, er ist als Viehfutter eigentlich viel zu schade. Und die Nachfrage wächst, viele Menschen möchten gerne Tofu aus der Region.
Weil Tofu aus Brasilien böse ist.
Nicht immer. Dort gibt es auch ökologischen Landbau. Aber in der Tat, die Rodungen des Dschungels für den Anbau und die Diskussion um genveränderte Sorten führt dazu, dass auch beim Soja die Menschen gerne wissen möchten, wo er herkommt.
Gibt es denn deutschen Soja?
Ja. Er wird auf ungefähr 15 000 Hektar angebaut. Vor allem im Süden, weil er Wärme braucht. Da fühlt er sich wohl. Im heißen Sommer 2015 hatten die Landwirte Spitzenerträge, bis zu fünf Tonnen pro Hektar, doppelt so viel wie normal. Aber nur da, wo auch genügend Regen fiel
Sie wollen ihm also das Frieren austreiben?
Sozusagen. Im Juni gibt es bei uns immer noch kühle Nächte, denken Sie an die Schafskälte. Das ist für Soja ein Problem: Bei Temperaturen unter 10 Grad wirft er die Blüte ab. Und wir hätten gern, dass die Bohnen September reif werden, nicht erst im Oktober.
Das ist ja die optimale Pflanze für den Klimawandel.
Deshalb bekommen wir auch eine Förderung für unsere Versuche. Aber Soja hat viele Vorteile. Er bindet Stickstoff im Boden, ist also die ideale Pflanze für die Fruchtfolge. Und wie gesagt: Sie ist sehr nahrhaft
Tofu statt Schnitzel?
Das muss jeder selber wissen. Aber wie ist denn die Realität: In Brasilien wird Soja angebaut, nach Deutschland geliefert, dort den Schweinen gefüttert, die bringt man nach Polen und schlachtet sie, das Fleisch landet letztendlich in China. Das ist eine katastrophale Ökobilanz.
Was wäre besser?
Soja hier verarbeiten und essen. Soja ist als Viehfutter eigentlich verschenkt. Und Sojamilch zu trinken ist aus Klimaschutzgründen allemal besser als Kuhmilch. Sie schmeckt übrigens auch sehr gut
Sie sprechen offenbar aus Erfahrung?
Ja. Ich bin Vegetarier. Das ergab sich für mich fast zwangsläufig aus meiner Arbeit. Wenn man sich intensiver mit der Sojabohne beschäftigt, kann man fast nicht mehr anders, als sich vermehrt pflanzlich zu ernähren. Ich fand es irgendwann unlogisch, kein Fleisch zu essen, aber Käse und Milch zu trinken. Mittlerweile schmeckt mir Kuhmilch gar nicht mehr.
Das heißt, sie trinken sie hin und wieder?
Ich bin weder Dogmatiker noch Fanatiker. Wenn ich unterwegs bin, esse ich auch Käse und trinke Milch. Das ist gar nicht anders zu machen.
Das heißt jetzt: Schwäbischer Soja ist das nächste große Ding
Vegane und vegetarische Ernährung sind gerade in aller Munde. Aber man sollte sich nicht täuschen lassen: Es ist eine Nische. Und es wird eine Nische bleiben. Aber die Landwirte können Geld damit verdienen. Auch das ist wichtig.
Noch einen Tipp: Wenn meine Sojabohnen als Tofu grauslich schmecken, was mache ich dann damit?
Sie können die grünen Hülsen blanchieren und essen, man tunkt die Hülsen in Salz, steckt es in den Mund und zuzelt dann die Bohne raus. Das nennt sich Edamame, eine japanische Spezialität.
Da muss ich aber keinen Sake dazu trinken, da geht auch ein Trollinger?
Wissen Sie was? Am besten dazu schmeckt ein Bier.

Interessenten können sich über die Webseite www.1000Gärten.de informieren und bis zum 28. Februar bewerben.

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