Stuttgart - Planet Girl heißt ein neuer Verlag, der auf die wachsende Zielgruppe der Mädchen setzt. Für Jungs, so belegen viele Studien, bleibt Lesen trotz vieler Bemühungen oft feindliches Terrain. Auch Väter greifen nicht zum Buch. Nun will der Klett-Kinderbuch-Verlag Vorlesemuffel mit einem Geschenk bekehren.
Kein Mann, nirgends. Diesen Eindruck konnte man jüngst von einem Besuch der Kinder- und Jugendbuchwochen in Stuttgart mitnehmen. Da sind Mamas, die mit Zetteln in der Hand das Angebot für den Nachwuchs sichten; da sind Lehrerinnen, die Schulklassen führen. Eine subjektive Momentaufnahme, sicherlich. Doch empirisch betrachtet wird die Sache nicht besser. Die jüngste Vorlesestudie der Deutschen Bahn und der Stiftung Lesen hielt den Notstand in Zahlen fest: In 42 Prozent aller Haushalte mit Kindern im klassischen Vorlesealter unter zehn Jahren wird nur unregelmäßig oder gar nicht vorgelesen. Und: Nur acht Prozent der Kinder haben Väter, die diese Aufgabe übernehmen.
Acht Prozent? Sind es nicht vielleicht doch ein paar mehr? Im Klett-Kinderbuch-Verlag will man nicht glauben, dass Väter so große Vorlesemuffel sind. Würden sie gerne, finden aber nicht das passende Buch? Eines wie das Bilderbuch "Akkaratus"? Von einem Vater getextet und einem anderen illustriert, erzählt es von einem kleinen Roboter, der auf der Erde seltsame Dinge wie Bauklötze und einen Luftballon erkundet. Der in Leipzig beheimatete Klett-Ableger will damit Väter ans Buch locken: Wer anruft, bekommt ein Exemplar von "Akkaratus" geschenkt; als Gegenleistung wünscht sich der Verlag ein Foto, das den Beschenkten beim Vorlesen des Buchs zeigt. Ein Beweisstück sozusagen: Und sie lesen doch! Stoßen vorlesende Väter ihren Söhnen Türen zu einer Welt auf, die sie alleine oder mit Mamas Hilfe nur schwer aufkriegen? Seit der ersten Pisa-Studie sind alle alarmiert. "Die größten und konsistentesten Geschlechterunterschiede sind im Bereich Lesen zu beobachten", hielt die Studie im Jahr 2000 fest. "In allen Pisa-Teilnehmerstaaten erreichen die Mädchen im Lesen signifikant höhere Testwerte als die Jungen." In Deutschland, so aktuelle Zahlen, lesen 52 Prozent der Jungen nur, wenn sie müssen. 80 Prozent der Jugendlichen, die eine Lese- und Rechtschreibschwäche haben, sind männlich.
Darüber, warum das so ist, zerbrechen sich seither viele die Köpfe. Anreize wurden geschaffen, um den Jungs das Lesen zu erleichtern. Das übers Internet zugängliche Lesequiz Antolin setzt zum Beispiel auf die Verlockungen des Computers, die Jungs bekanntlich besonders ansprechen, und belohnt erfolgreiche Lektüre mit einem Punktesystem. Das Männer-Netzwerk MannDat hat eine spezielle Jungenleseliste erarbeitet. Doch Bruno Köhler, der sich um sie kümmert, weiß, dass es mit kleinen Schritten nicht getan ist: "Es fehlt an einer Jungenleseförderkultur", sagt er. "Es gibt in Bibliotheken, Schulen und bei Elterninitiativen verschiedene Jungenleseförderprojekte. Aber dieses sind einzelne Aktionen. Eine Jungenleseförderkultur wird daraus erst, wenn von politischer Seite diese Einzelaktionen zu einem Netzwerk verbunden werden. Doch der Wille dazu fehlt."
An den pädagogischen Hochschulen im Land, so die MannDat-Kritik, gebe es zwar diverse Mädchenprojekte. "Projekte zur Jungenbildungsförderung, zum Beispiel im Bereich Lesen, existieren nicht. Hier zeigt sich, dass eine Jungenleseförderung, wie sie die Pisa-Studie schon 2000 als ,große bildungspolitische Herausforderung' angemahnt hat, noch nicht in den pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg angekommen ist." Dies sei besonders bedauerlich, weil die jungen Lehrer so kaum als Mediatoren für Jungenleseförderung an ihren zukünftigen Wirkungsstätten dienen könnten.